Wie die Vipassana-Meditation zur Massenbewegung wurde

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Von Eric Braun

ERIK BROWN ist Autor des Buches "The Birth of Insight: Meditation, Modern Buddhism, and the Burmese Monk Ledi Sayadaw". Er lehrt Religionswissenschaft an der University of Oklahoma.

Veröffentlicht 17. Dezember 2019

Der britische Kolonialismus als Auslöser der weltweiten Vipassana-Bewegung.

Heutzutage gehen viele davon aus, dass Buddhismus und Meditation Hand in Hand gehen – manchmal werden sie sogar als ein und dasselbe angesehen. Aber selbst unter Berücksichtigung der Theravadins, der Stammväter der äußerst populären Vipassana-Bewegung (Einsichtsmeditation), haben in der Vergangenheit nur relativ wenige Buddhisten Meditation als wesentlich angesehen. Ganz im Gegenteil, statt zu meditieren, hat sich die Mehrheit der Theravadins und der passionierten Buddhisten anderer Traditionen, einschließlich der Mönche und Nonnen, darauf konzentriert, ethisches Verhalten zu kultivieren, die Lehren Buddhas (Dharma) zu bewahren und das gute Karma zu erlangen, welches durch großzügiges Geben entsteht. Sicherlich haben diese Menschen die entscheidende Rolle erkannt, die die Meditation beim Erwachen spielt – aus der Sicht der Theravadins kann man ohne eine derartige Praxis keine Erleuchtung erlangen – aber sie haben auch nicht daran gezweifelt, dass man ein wertvolles und authentisches buddhistisches Leben führen kann, ohne zu meditieren. Viele Theravadins, die nicht das Erwachen, sondern eine gute Wiedergeburt anstreben, haben sogar argumentiert, dass Meditation in unserem degenerierten Zeitalter unangemessen sei, außer vielleicht für einige wenige, die in der Isolation von Urwäldern oder Berghöhlen leben. Wo entstand also diese heute allgegenwärtige Vorstellung, dass Meditation das Herzstück buddhistischen Lebens bildet?

 

Diese Fragestellung führt uns nach Birma vor etwas mehr als einem Jahrhundert. Bis zu diesem Zeitpunkt war nirgendwo eine Entwicklungstendenz hin zu allgemein verbreiteter Meditation aufgekommen. Es ist wahr, dass Meister der thailändischen Waldtradition, vor allem Ajahn Mun (1870-1949) und Persönlichkeiten, die in Sri Lanka den Buddhismus mit neuem Leben füllten, wie Dharmapala (1864-1933), eine wichtige Rolle bei der Etablierung der Einsichtspraxis spielten und zur Laienmeditation aufriefen. Aber sie haben keine breit angelegten Bewegungen ausgelöst. Man muss stattdessen nach Birma schauen, um die Entwicklung der Meditation zu einer weitverbreiteten Praxis zu erklären – insbesondere in Hinblick auf die Einsichtsmeditation. Die Vipassana-Sicht verstand Meditation als logische und sogar notwendige Anwendung einer buddhistischen Perspektive auf das eigene Leben, sei es als Laie oder Ordinierter. Der Aufstieg dieser Praxis war jedoch nicht unbedingt eine Entwicklung aus sich heraus. Sie entstand vor allem durch kolonialen Einfluss. (in der Tat kann keine der gegenwärtigen Traditionen der Einsichtspraxis ihre Geschichte verlässlich über das späte 19. oder frühe 20. Jahrhundert hinaus zurückverfolgen.) Obwohl es sich inzwischen um eine globale Bewegung handelt, begann die Einsichtspraxis zu einem Zeitpunkt des Zusammenwirkens zwischen einem westlichen Imperium und einer östlichen Dynastie. Man könnte sogar so weit gehen, ihre Ursprünge auf einen ganz bestimmten Tag zu beziehen: den 28. November 1885, als die Britische Imperiale Armee das buddhistische Königreich Birma eroberte.

 

Das britische Empire als unfreiwilliger Wegbereiter der Vipassana-Meditation

Die ausländischen Soldaten, die an jenem schicksalhaften Tag die Kontrolle über die birmanische Hauptstadt Mandalay übernahmen, zerstörten nicht nur ein Königreich, sondern auch das birmanische Weltbild. Nach birmanischer Auffassung saß der letzte König von Birma, wie auch die Könige vor ihm, auf der Achse eines Kosmos, der sich um den Thron in Mandalay drehte. Thibaw, der von 1878 bis 1885 regierte, residierte am Ruhepol der Welt und seine maßgebliche Aufgabe bestand im Schutz des Buddhismus. Einige Tage nach der britischen Machtübernahme beobachteten die birmanischen Untertanen, wie ihr König, umgeben von ausländischen Soldaten, die Gewehre schwenkten, auf einem schlichten Ochsenkarren aus dem königlichen Palast (der zu einem Offiziersclub zum Trinken und geselligen Beisammensein umfunktioniert wurde) zu dem Dampfschiff überführt wurde, das ihn ins Exil bringen sollte. Das Trauma dieses Ereignisses und die daraus resultierenden tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen sollten jedoch letztendlich zu einer weltweiten Verbreitung der Einsichtsmeditation führen.

Anders als in vielen anderen Gebieten unter kolonialer Herrschaft, entschieden sich die Briten – die Kalas oder Barbaren, wie die Birmanen sie nannten – in Birma direkt zu regieren, ohne dass ein Monarch über sie herrschte, außer natürlich Königin Victoria, der „Kaiserin von Indien“. Aber die Birmanen konnten nicht von der britischen Königin erwarten, dass sie die grundlegendste Aufgabe eines birmanischen Herrschers erfüllte: die Förderung des Buddhismus. Ganz im Gegenteil, Königin Victoria hatte eine Regierungsrichtline für alle kolonialisierten Untertanen erlassen, die jegliche Unterstützung irgendeiner Religion untersagte. Als Reaktion auf die blutige Sepoy-Rebellion von 1857 in Indien, die als durch religiöse Verstrickungen ausgelöst angesehen wurde, verfügte sie: „Alle, die unter uns Verantwortung tragen“, dürfen sich in keiner Weise in die Religionen der kolonialisierten Untertanen einmischen „unter Androhung unseres höchsten Missfallens“.

Für die meisten zeitgenössischen Ohren klingt dies nach einer vernünftigen, ja sogar aufgeklärten Politik, um die Freiheit religiöser Entfaltung zu gewährleisten. Die Birmanen sahen dies jedoch als gleichbedeutend mit einem Angriff auf den Buddhismus an sich. Buddha-Sasana, das Pali-Wort, das dem Begriff „Buddhismus“ am nächsten kommt, bedeutet ganz einfach „Lehre des Buddha“, ist aber mittlerweile auf die gesamte buddhistische Tradition ausgedehnt worden. Es bezeichnet nicht nur den Dhamma oder buddhistische Lehren, sondern auch die Verkörperung dieser Lehren durch buddhistische Institutionen – allem voran das Mönchstum. Wie die meisten Buddhisten damals und heute glaubten auch die birmanischen Buddhisten, dass die Sasana dem Untergang geweiht sei. Die Frage war nicht, ob der Buddhismus verloren gehen würde, sondern wann. Somit war die Zielsetzung, die Sasana so lange wie möglich zu bewahren – die Höchstgrenze beträgt gemäß der Kommentarliteratur 5.000 Jahre. Die Theravada-Buddhisten glaubten, dass das Bewahren der Sasana einen engagierten König erfordere, der großzügig Mönche und Klöster mit Spenden unterstützt und der auch dafür Sorge trägt, dass sowohl die Ordinierten als auch die Laien buddhistische Ideale aufrechterhalten. Der Ansatz der britischen Beamten, sich herauszuhalten wurde daher als direkte Beleidigung und Verletzung religiöser Gefühle angesehen, zumal sie christlichen Missionaren, bei bevorzugter Behandlung, erlaubten, in Birma ihre Zelte aufzuschlagen.

 

Laien organisieren den Aufbruch

Die Birmanen haben das nicht einfach so hingenommen. Nachdem der König weg war, organisierten sich die Laien untereinander und versammelten sich in Vereinigungen und Gemeinschaften in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Sie führten schriftliche Prüfungen für Mönche durch, sammelten Mittel, um ganze Klöster zu ernähren und einzukleiden, und betrieben miteinander ein tiefgründiges Studium des Dhamma, um christlicher Missionskritik zu begegnen und die wertvollen Lehren zu bewahren, die sonst aus der Welt verschwinden könnten.

Dieses intensive und noch nie dagewesene Interesse der Laien an allen Belangen des Buddhismus förderte den Aufstieg talentierter Mönche, die zu Star-Predigern der Laien wurden. Sie senkten die Fächer, die traditionell während der Dharma-Vorträge ihr Gesicht bedeckt hatten, und begründeten einen Stil, der bald als „Fan down“ bezeichnet wurde. Diese Prediger erreichten ein riesiges Publikum – manchmal Zehntausende von Menschen – und gebrauchten einen leicht verständlichen und ansprechenden Stil. Um Interesse zu wecken, nahmen einige Mönche sogar Künstlernamen an, die den Namen bekannter Schauspieler entsprachen. (Das wäre so, als würde ein amerikanischer Mönch versuchen, seinen Bekanntheitsgrad zu erhöhen, indem er sich Bhikkhu Brad Pitt nennt.)

Hand in Hand mit dem Predigen erschien Gedrucktes. Zahlreiche Druckmaschinen wurden aufgestellt und aus ihnen ergossen sich preisgünstige Ausgaben von Büchern, die jeden Aspekt der Lehre beschrieben. Viele Werke widmeten sich den verfeinerten Philosophien des Abhidhamma, dem Abschnitt des Pali-Kanons, der darauf abzielt, die Merkmale von Geist und Realität zu schematisieren. Noch nie zuvor waren Laien in den Genuss eines derartigen Zugangs zu umfangreichen Inhalten doktrinärer Unterweisung gekommen. Sie verschlangen alles, egal wie komplex das Thema auch war, und trafen sich oft in Gruppen, um die schwierigeren Inhalte zu studieren. Das Studium wurde so ernst genommen, dass manchmal heftige öffentliche Versammlungen abgehalten wurden, um die Argumente der Autoren in Frage zu stellen. Es fanden sogar Bücherverbrennungen statt.

All diese Aktivitäten revolutionierten das buddhistische Leben und schufen die Voraussetzungen für die allgemeine Verbreitung der Einsichtspraxis, da neben den alten Mustern unter dem Druck des sozialen Wandels, der durch den kolonialen Einfluss ausgelöst wurde, neue Wege, Buddhist zu sein, aufkamen. Mit einem gestärkten Selbstverständnis als kollektives Ganzes, das aus einem Gruppenstudium buddhistischer Theorie hervorgegangen war, übernahmen die Laien die Rolle des Beschützers der Sasana, was früher die Pflicht des Königs gewesen war.

In der lebendigen politischen und sozialen Landschaft im Birma des frühen 20. Jahrhunderts wurde die Meditation zu einem weiteren Mittel, um den Buddhismus zu beschützen. Meditative Verwirklichung auf individueller Ebene stärkte die gesamte Sasana, indem sie das Karma der Gesellschaft verbesserte. Gleichzeitig wurde das Erwachen, das in einem solch degenerierten Zeitalter bisher als unerreichbar galt, über den Weg der Meditation als eine Möglichkeit im gegenwärtigen Leben angesehen. Schlüsselfiguren machten die flüchtige Energie von Sorgen, Handlungsfähigkeit und Wissen der Laien – allesamt ausgelöst und geprägt durch Kolonialpolitik und Angriffe der Missionsbestrebungen – nutzbar, um sie zur Praxis anzuspornen.

Die Botschaft verbreitete sich in der ganzen Welt: Vergiss den Urwald oder die Höhle, Meditation ist in der Stadt möglich

 

An vorderster Stelle unter diesen Lehrern stand ein Mönch namens Ledi Sayadaw (1846-1923), der erste unter denjenigen, die zu einem umgestalteten Laienleben aufriefen, das meditative Praxis beinhaltete. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts erklärte er Meditation mit einfachen Worten, die in ein geschäftiges weltliches Alltagsleben eingebunden werden konnte. Ledi Sayadaw, der für seine „Fan down“ Lehrtätigkeit überaus bekannt war, war vielleicht noch bekannter für die vielen gut verständlichen und doch anspruchsvollen Werke, die er über die buddhistische Lehre schrieb; wie ein birmanischer Schriftsteller es ausdrückte, konnte er „den Abhidhamma wie fallenden Regen verbreiten“. Darüber hinaus verknüpfte er das Studium des Abhidhamma mit meditativer Praxis und machte das Lernen zur Grundlage für eine alltägliche Beobachtung der Welt, die zu befreiender Einsicht führen konnte. Obwohl er ein vertiefendes Studium forderte, betonte er ebenfalls, dass selbst der Laie, der nur die sich ständig verändernde Natur der vier Elemente (Dhatus) Erde, Wind, Feuer und Wasser studierte, großen geistigen Nutzen daraus ziehen könne. Wie Ledi Sayadaw es ausdrückte: „Für jene, deren Kenntnisse entwickelt sind, ist alles innerhalb und außerhalb ihrer selbst, innerhalb und außerhalb ihres Hauses, innerhalb und außerhalb ihres Dorfes und ihrer Stadt ein Objekt, bei dessen Anblick die Einsicht in die Unbeständigkeit entstehen und sich entwickeln kann“.

 

Einsichtsmeditation (Vipassana) für jedermann

Vor dieser Zeit war die allgemeine Überzeugung, dass jeder, der Einsichtsmeditation praktizieren wollte, zuerst in die tiefen Konzentrationszustände (Samadhi) eintreten musste, die als Jhanas bezeichnet werden. Aber diese erhabenen Formen der Konzentration zu erreichen erforderte, lange Zeiträume abseits der Welt in intensiver Meditation zu verbringen, im tiefsten sprichwörtlichen Urwald oder einer Berghöhle. Nun aber behauptete Ledi Sayadaw, dass man nicht in solche Zustände eintreten müsse, um die geistige Stabilität für die Einsichtspraxis zu erlangen. Es war hervorragend, wenn man dazu imstande war (und Ledi Sayadaw erklärte, diesen Weg gegangen zu sein), aber in Wirklichkeit war alles, was man brauchte, ein Mindestmaß an Konzentration, das den Meditierenden in die Lage versetzte, kontinuierlich, von Moment zu Moment immer wieder zum Objekt der Kontemplation zurückzukehren.

Dieser Geisteszustand wurde daher „Konzentration von Moment zu Moment“ (khanika-samadhi) genannt und bildete die Grundlage der „reinen“ oder „trockenen“ Einsichtsmeditation (suddha-vipassana oder sukkha-vipassana), die keine tiefe Konzentration beinhaltete. Obwohl diese Herangehensweise an die Praxis in maßgeblichen Texten erörtert wurde, hatte sie bisher niemand auf breiter Basis propagiert: Ledi Sayadaw war der Erste, der sie in den Mittelpunkt seiner Belehrungen stellte. Die Botschaft verbreitete sich in der ganzen Welt: Vergiss den Urwald oder die Höhle. Meditation ist in der Stadt möglich.

Einige Jahre nachdem Ledi Sayadaw allgemein bekannt geworden war, propagierte auch ein anderer Klosterlehrer, Mingun Sayadaw (1868-1955), die Einsichtsmeditation auf Grundlage einer Konzentration von Moment zu Moment, wahrscheinlich in gewissem Maße Dank der Lehren Ledi Sayadaws. Mingun Sayadaw lehrte die Meditierenden, jeden Moment der Wahrnehmung zu erfassen, während sie vor einer Sinnespforte entsteht, um alles Erleben in einen sich ständig verändernden Fluss von Eindrücken aufzugliedern. Diese Betonung der Wahrnehmung von Sinneseindrücken sollte viel später zu einem Verständnis von Achtsamkeit (sati) führen, welches der in Deutschland geborene Mönch Nyanaponika bekanntermaßen „reines Beobachten“ nannte. (Schlussendlich sollte die Betonung des Prozesses des Erlebens zu einer säkularen Interpretation von sati im Westen führen, losgelöst vom buddhistischen Kontext.) Mingun Sayadaw ist auch hervorzuheben als der erste Lehrer, der 1911 Gruppenmeditation für Laien durchführte. Nahezu alle aus Birma hervorgegangenen Praxislinien gehen entweder auf ihn oder Ledi Sayadaw zurück.

Die aktive Praxis unter Laien begann sich dank der Bemühungen dieser Lehrer in ganz Birma zu verbreiten. Aber sie betrachteten ihre Techniken nicht als Innovationen. Wie die meisten heutigen Meditierenden sahen sie den Buddha als ihr Vorbild und einige der frühesten buddhistischen Texte als ihre Anleitung an. In den Jahrhunderten nach dem Tod Buddhas wurden Sutten wie das Satipatthana Sutta („Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit“) und das Anapanasati Sutta („Lehrrede von der Achtsamkeit auf den Atem“) auf Pali zusammengetragen und waren für die Ausgestaltung der Praxis entscheidend – so wie sie es auch heute noch sind. Aber diese Texte waren vor dieser Zeit im Laienleben noch nicht weit verbreitet, und – wie heutige Meditationslehrer in Amerika und Asien bereitwillig einräumen – kann die Interpretation dieser Texte sehr unterschiedlich ausfallen. Einige sri-lankische Mönche etwa haben die Methode von Mingun Sayadaw (wie sie von seinem Schüler Mahasi Sayadaw [1904-1982] gelehrt wurde) als kanonisch nicht untermauert kritisiert – mit anderen Worten, als eine Erfindung. So wie die Ausgestaltung einer Praxis wie die der Meditation ganzer Volksmassen unter bestimmten Rahmenbedingungen entstand, so entwickelten sich die Interpretationen von Schlüsseltexten für die Vipassana-Praxis innerhalb selbigen Umfelds und unter ähnlichen Belastungen.

In den 1930er Jahren hatten Laien in großer Zahl die Methoden aufgegriffen, die Ledi Sayadaw und Mingun Sayadaw lehrten, als eine neue turbulente Periode in der birmanischen Geschichte begann. Aufstände von Rebellen, politische Turbulenzen, die durch das Zusammenwachsen und Zerbrechen nationalistischer Gruppen verursacht wurden, wirtschaftliche Härten der Weltwirtschaftskrise (insbesondere ein starker Preisverfall bei Reis) und interethnische Unruhen belebten die Anstrengungen zu praktizieren erneut.

 

Ledi Sayadaw starb 1923, aber viele seiner Schüler übernahmen in den 1930er Jahren aktive Rollen beim Lehren der Einsichtspraxis. Von besonderer Bedeutung war der Laienlehrer U Po Thet, bekannt als Saya Thetgyi (1873-1945), der maßgeblich an der Entwicklung der Einsichtsmeditation zu einem weltweiten Phänomen beteiligt war und als eines der ersten Beispiele für einen Laien gilt, der von einem Mönch ermächtigt wurde, Vipassana-Meditation zu lehren. Ledi Sayadaw billigte sogar, dass Thetgyi Mönche unterrichtete, eine vollständige Umkehrung der üblichen Rollen von Mönch und Laien.

Ledi Sayadaws öffentliche Zustimmung führte zu einer Linie von Laienlehrern, die Thetgyi folgten. Obwohl er nicht als Mönch ordinierte, nahm sich Thetgyi einen Wohnsitz zurückgezogen von seiner Frau und seinen Kindern, um ein zölibatäres Leben zu führen, das der Meditation gewidmet war. Sein bedeutendster Schüler, U Ba Khin (1899-1971), war hingegen ein Familienvater mit sechs Kindern und einer Karriere als Regierungsbeamter. Schließlich sollte er die Position des Leiters der Buchhaltung der neuerdings unabhängigen birmanischen Union übernehmen, die 1948 von der Kolonialherrschaft befreit wurde. Die Verschmelzung von aktivem Laienleben und Einsichtspraxis durch U Ba Khin bedeutete einen Schritt weiter zu gehen als sein Lehrer, hin zu einer vollständig von Laien getragenen Orientierung der Meditation als lebenspraktisches, ja sogar weltliches Unterfangen – sogar so weltlich, dass U Ba Khin in den 1950er Jahren die Fähigkeit der Meditation, den Körper von radioaktiven Giften zu befreien, propagierte, eine weit verbreitete Besorgnis zu Beginn des Atomzeitalters.

 

Staatlich bezahlter Urlaub zum Meditieren

Nachdem Birma die Unabhängigkeit erlangt hatte, nutzte die neue birmanische Regierung, angeführt von Premierminister U Nu, das wachsende Interesse an der Einsichtsmeditation als Teil einer umfassenderen politischen Strategie, die das Land mit Hilfe des Buddhismus zu einen suchte. Die 1950er Jahre waren Jahre der Umgestaltung durch Erneuerung des Buddhismus in Birma. Die Regierung hielt von 1954 bis 1956 das Sechste Buddhistische Konzil ab, eine Veranstaltung, die sich bemühte, Theravada-Mönche aus allen Ländern zu versammeln, um den Pali-Kanon auf Fehler in der Textübertragung zu überprüfen. In Wirklichkeit beschränkte sich das Konzil im Wesentlichen auf Birmanen, aber die Regierung nutzte die Veranstaltung, um sich auf der Weltbühne als ein herausragend buddhistisches Land zu präsentieren. Gleichzeitig wurden Richtlinien zur Finanzierung von Meditationszentren festgelegt und Richtlinien, die es Regierungsangestellten ermöglichten, unbezahlten Urlaub zu nehmen, um zu meditieren. Die Einsichtspraxis wurde offiziell nicht nur als Mittel zum persönlichen Erwachen oder zum Bewahren der Sasana gefördert, sondern auch als patriotisches Bestreben und Quelle nationaler Identität. In weniger als 75 Jahren, von 1886 bis Mitte der 1950er Jahre, war Meditation von der Beschäftigung einer weniger in der Bevölkerung zur Pflicht des idealen Bürgers herangewachsen.

Die Bemühungen von U Ba Khin trugen zu diesem neu belebten Geist bei, aber U Nu setzte sich offiziell für Mahasi Sayadaw ein, der den Premierminister tief beeindruckt hatte, als sie sich einige Jahre zuvor getroffen hatten. 1949 setzte die Regierung Mahasi Sayadaw als Leiter des Thathana Yeiktha Meditationszentrums in Yangon ein, welches bald das mit Abstand größte in Birma wurde. Nur wenige Jahre später, 1952, gründete U Ba Khin sein Internationales Meditationszentrum, ebenfalls in Yangon. Von diesen beiden Lehrern und ihren Zentren aus verbreiteten sich die Methoden, die einzeln oder in Kombination Formen der meditativen Einsichtspraxis auf der ganzen Welt geprägt haben.

Die Mahasi-Technik wurde 1956 von birmanischen Lehrern nach Sri Lanka gebracht und im selben Zeitraum auch in Thailand eingeführt. Mahasi Sayadaw selbst bereiste Asien und den Westen und förderte großflächig die Achtsamkeitstechnik, die in westlichen Händen zu einer eigenständigen Bewegung werden sollte. U Ba Khin unterrichtete zahlreiche Schüler in seinem Zentrum, darunter viele, die später einflussreiche Lehrer im Westen wurden, wie Daw Mya Thwin (bekannt als Sayamagyi oder „Mutter“), Ruth Denison, Robert Hover und John Coleman. Ab 1956 unterrichtete U Ba Khin auch einen birmanischen Bürger indischer Abstammung, den berühmten Lehrer S. N. Goenka (1924-2013), der 1969 nach Indien emigrierte. Goenka baute schließlich ein Netzwerk von über 120 Meditationszentren auf der ganzen Welt auf, die weiterhin jedes Jahr viele tausend Meditierende unterweisen.

 

Wie Vipassna-Meditation in den Westen kam

Zur gleichen Zeit als sich die birmanischen Meditationslehrer der Welt zuwandten, wandte sich die Welt auch an die birmanischen Lehrer. Angetrieben von spiritueller Suche, die die Sehnsüchte vieler junger Suchender der 1960er Jahre widerspiegelte, begegneten Joseph Goldstein, Jack Kornfield und Sharon Salzberg unabhängig voneinander den Lehren in den Linien von Ledi Sayadaw und Mingun Sayadaw. Kornfield sollte auch die Lehren der thailändischen Waldtradition von Ajahn Chah aufnehmen und sich darauf in seinem Lehransatz besinnen. Diese drei Amerikaner wurden zu dem, was die Wissenschaftlerin Wendy Cadge als die wichtigsten „Umkehrkuriere“ bezeichnet hat, die die Einsichtsmeditation in den Westen brachten, insbesondere indem sie die Insight Meditation Society (IMS) in Massachusetts und das Spirit Rock Meditation Center in Kalifornien gründeten. Ironischerweise war die alte Weisheit, nach der sie für den Westen gesucht hatten – authentische Meditationslehren und -praktiken, bereits Jahrzehnte zuvor durch kolonialen Einfluss bleibend verändert worden.

Die Vorstellungen von Meditation spiegeln natürlich weiterhin die Bedürfnisse, Hoffnungen und Ängste von Praktizierenden zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten wider. Heutzutage gedeiht Meditation in einer Weise, die weit entfernt ist vom birmanischen kulturellen Rahmen ihrer ursprünglichen Ausgestaltung vor etwa einem Jahrhundert. Die Betonung der Achtsamkeit (sati) als bloße Aufmerksamkeit etwa in Amerika, leitet sich vor allem aus der Linie der Lehren Mingun Sayadaws ab, signalisiert aber gleichzeitig eine ausgeprägt westliche Säkularisierung der Praxis, die ein therapeutisches Modell bevorzugt. Diese säkulare Form der Meditation hat im Austausch mit der Psychologie eine mächtige neue Quelle der Inspiration und Aufgabenstellung gefunden.

Die kontinuierlichen Umgestaltungsprozesse innerhalb der Einsichtsmeditation deuten auf eine kraftvolle und möglicherweise befreiende Tatsache hin: Meditation existiert nicht wirklich. Jedenfalls nicht als eine einzige unveränderliche Einheit. Stattdessen gibt es nur die vielen Interpretationen und Praxismethoden, die miteinander verbunden sind durch bedingt entstandene Zusammenhänge im Laufe der Zeit. Dies kann als machtvolle Bestätigung der grundlegenden buddhistische Lehre der Unbeständigkeit angesehen werden. Wenn Unbeständigkeit als durch die ursächlichen Kräfte abhängigen Entstehens bestimmt verstanden wird, verhält sich das Leben aus buddhistischer Sicht zutiefst ironisch. Denn, wie dieser verkürzte Stammbaum der Einsichtsmeditation zeigt, wird die Befreiung eines Meditierenden aus genau den Ereignissen und Wünschen heraus geformt, die einen an den leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten binden.

 

Deutsche Übersetzung durch Buddhastiftung mit freundlicher Genehmigung von Tricycle. Im Original veröffentlicht als „Meditation en Masse“ von Eric Braun in Tricycle: The Buddhist Review, vol. „Spring 2104“, tricycle.org

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