Was genau versteht man unter Vipassana-Meditation?

 

Vipassana- oder Einsichtsmeditation bedeutet ein klares Bewusstsein dessen, was genau passiert, wenn es passiert.

 

Von Bhante Henepola Gunaratana*

 Übersetzung des englischen Originals durch Buddhastiftung mit freundlicher Genehmigung von Tricycle.org

 

Die Differenzierung zwischen Vipassana-Meditation und anderen Formen der Meditation ist von entscheidender Bedeutung und es ist wichtig, diese vollständig zu verstehen. Der Buddhismus befasst sich mit zwei Hauptformen der Meditation. Es handelt sich dabei um verschiedene geistige Fähigkeiten, Funktionsweisen oder Bewusstseinsqualitäten. Auf Pali, der Sprache, in der die Schriften des Theravada ursprünglich verfasst wurden, werden sie Vipassana und Samatha genannt.

Vipassana kann mit „Einsicht“ übersetzt werden, einem klaren Bewusstsein dessen, was genau passiert, wenn es passiert. Samatha kann mit „Konzentration“ oder „Ruhe“ übersetzt werden. Es ist ein Zustand, in dem der Geist zur Ruhe gebracht wird, sich ausschließlich auf einen Punkt konzentriert und nicht umherwandern darf. Wenn dies geschieht, durchdringt eine tiefe innere Ruhe Körper und Geist, ein Zustand der Stille, der erlebt werden muss, um verstanden zu werden.

Die meisten Meditationssysteme betonen die Samatha-Komponente. Der Meditierende richtet seinen Geist auf bestimmte Dinge, wie z.B. Gebet, eine bestimmte Art von Kästchen, einen Gesang, eine Kerzenflamme, ein religiöses Bild oder was auch immer, und schließt alle anderen Gedanken und Wahrnehmungen aus seinem Bewusstsein aus. Das Ergebnis ist ein Zustand der Verzückung, der andauert, bis der Meditierende die Meditationssitzung beendet. Es ist schön, erfreulich, bedeutungsvoll und verlockend, aber nur vorübergehend. Vipassana-Meditation befasst sich mit der anderen Komponente, der Einsicht.

In der Vipassana-Mediation nutzt der Meditierende seine Konzentration als Werkzeug, mit dem sein Bewusstsein die Mauer der Täuschung abtragen kann, die ihn vom klaren Licht der Realität trennt. Es ist ein allmählicher Prozess, bei dem das Bewusstsein für die inneren Abläufe der eigentlichen Realität stetig wächst. Es dauert Jahre, aber eines Tages meißelt sich der Meditierende durch diese Mauer und taucht in die Welt des Lichts sein. Die Transformation ist abgeschlossen. Es ist die Befreiung und sie ist dauerhaft. Befreiung ist das Ziel aller buddhistischen Praxissysteme. Aber die Wege, um dieses Ziel zu erreichen, sind sehr unterschiedlich.

 

Die älteste buddhistische Meditationspraxis

 

Vipassana ist die älteste der buddhistischen Meditationspraktiken. Die Methode leitet sich direkt aus dem Satipatthana Sutta [Grundlagen der Achtsamkeit] ab, einer Lehrrede, die Buddha selbst zugeschrieben wird. Vipassana ist eine direkte und stufenweise Kultivierung von Achtsamkeit oder Gewahrsein und wird Stück für Stück im Laufe von Jahren entwickelt. Die Aufmerksamkeit des Schülers wird sorgsam auf eine intensive Auseinandersetzung mit bestimmten Aspekten seiner eigenen Existenz gelenkt. Der Meditierende wird darin geschult, sich zunehmend seiner eigenen fließenden Lebenswirklichkeit gewahr zu werden.

Vipassana ist eine sanfte Technik. Aber sie ist auch sehr, sehr gründlich. Es ist ein uraltes und kodifiziertes System zur Schulung des Geistes, eine Reihe von Übungen, die darauf abzielen, sich immer mehr der Erfahrungswelt des eigenen Lebens bewusst zu werden. Es ist aufmerksames Zuhören, achtsames Sehen und sorgfältiges Überprüfen.

Wir lernen, intensiv zu riechen, vollständig zu berühren und wirklich auf die Veränderungen zu achten, die sich innerhalb all dieser Erfahrungen vollziehen. Wir lernen, auf unsere eigenen Gedanken zu hören, ohne uns in sie zu verstricken. Das Ziel der Vipassana-Meditationspraxis ist es, zu erlernen, Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit und Selbstlosigkeit – die tatsächliche Existenzweise der Phänomene – zu erkennen.

Wir denken, dass wir das bereits tun, aber das ist eine Illusion. Dies liegt daran, dass wir dem stetigen Zuwachs unserer eigenen Lebenserfahrung so wenig Aufmerksamkeit schenken, dass wir genauso gut schlafen könnten. Wir sind einfach nicht aufmerksam genug, um zu bemerken, dass wir nicht aufmerksam sind. Das ist wieder so eine Zwickmühle.

 

Meditation als Entdeckung

 

Durch den Prozess der Kultivierung von Achtsamkeit, werden wir uns langsam dessen bewusst, was wir wirklich sind, auf tiefer liegender Ebene als dem Ego Trugbild. Wir erwachen zu einer Erkenntnis dessen, was Leben wirklich ist. Es ist nicht einfach eine Mischung aus Höhen und Tiefen, Belohnungen und Bestrafungen. Dies ist eine Illusion. Das Leben hat eine sehr viel tiefgründigere Qualität als das, wenn wir uns nur die Mühe machen, hinzusehen und wenn wir auf die richtige Weise hinsehen.

Vipassana ist eine Form des Geistestrainings, das dir lehren wird, die Welt auf eine völlig neue Art und Weise zu erfahren. Du wirst zum ersten Mal erkennen, was dir, um dich herum und in dir tatsächlich passiert. Es ist ein Prozess der Selbst-Entdeckung; eine Untersuchung, an der du teilnimmst und in der du deine eigenen Erfahrungen beobachtest, während du daran teilhast, wenn sie geschehen.

 

Ganz egal, was dir beigebracht wurde. Vergiss Theorien, Vorurteile und Stereotype.

 

An die Praxis muss man mit dieser Haltung herangehen: „Ganz egal, was dir beigebracht wurde. Vergiss Theorien, Vorurteile und Stereotype. Ich möchte die wahre Seinsweise des Lebens verstehen. Ich will wissen, was diese Erfahrung, lebendig zu sein, wirklich bedeutet. Ich möchte die wahren und tiefsten Eigenschaften des Lebens begreifen und ich möchte nicht nur einfach die Erklärung eines anderen übernehmen. Ich will es selbst sehen.“

Wenn du deine Meditationspraxis mit dieser Einstellung weiterführst, wirst du Erfolg haben. Du wirst erfahren, dass du die Dinge objektiv beobachtest in genau der Weise, wie sie sind – fließend und sich verändernd von Moment zu Moment. Leben entwickelt dann einen unglaublichen Reichtum, der sich nicht beschreiben lässt. Es muss erlebt werden.

 

Vipassana & Bhavanna

 

Der Pali-Begriff für Einsichtsmeditation ist Vipassana Bhavana. Bhavana leitet sich von der Wurzel bh ab, was wachsen oder werden ausdrückt. Deshalb bedeutet Bhavana Kultivieren und das Wort wird immer in Bezug auf den Geist verwendet. Bhavana bedeutet Kultivierung des Geistes. Vipassana leitet sich von zwei Wurzeln ab. Passana bedeutet Sehen oder Wahrnehmen. Vi ist ein Präfix mit komplexen Konnotationen. Die Grundbedeutung ist „auf eine besondere Art und Weise“. Aber es bedeutet auch „in hinein“ und „durch“.

Die vollständige Bedeutungbreite des Wortes beinhaltet, etwas mit Klarheit und Präzision zu untersuchen, jeden Bestandteil als unterschiedlich zu betrachten und es die ganze Zeit lang zu durchdringen, um so die aller grundlegendste Realität dieses Objekts zu erkennen. Dieser Prozess führt zu einem Einblick in die fundamentale Wirklichkeit dessen, was untersucht wird. Alles in allem bedeutet Vipassana Bhavana die Kultivierung des Geistes, um auf diese besondere Weise sehen zu können, die zu Einsicht und vollständigem Verständnis führt.

 

Damit verbunden: Theravada Vipassana Praxis

 

Die Methode, die wir hier erklären, ist wahrscheinlich das, was Buddha Shakyamuni seinen Schülern gelehrt hat. Im Satipatthana Sutta, der ursprünglichen Lehrrede des Buddha über Achtsamkeit, wird ausdrücklich gesagt, dass man damit beginnen muss, die Aufmerksamkeit auf den Atem zu richten und dann dazu übergehen soll, alle anderen physischen und geistigen Phänomene zu erkennen, die auftreten.

Wir sitzen und beobachten die Luft, die in unsere Nase ein- und ausströmt. Auf den ersten Blick scheint dies ein äußerst seltsames und nutzloses Verfahren zu sein. Bevor wir zu den konkreten Anweisungen kommen, wollen wir den Grund untersuchen, der dahintersteht.

 

Warum Fokussierung wichtig ist

 

Die erste Frage, die wir vielleicht haben, ist, warum überhaupt ein Aufmerksamkeitsobjekt verwendet wird, auf dass man sich fokussiert? Wir versuchen schließlich, Gewahrsein zu entwickeln. Warum sich nicht einfach hinsetzen und sich dessen gewahr sein, was auch immer im Geist auftaucht? Tatsächlich gibt es Meditationsformen dieser Art. Sie werden manchmal als unstrukturierte Meditation bezeichnet und sind ziemlich schwierig.

Der Geist ist knifflig. Das Denken ist von Natur aus ein kompliziertes Verfahren. Damit meinen wir, dass wir in die Falle gelockt und eingewickelt werden und dann in der Gedankenkette stecken bleiben. Ein Gedanke führt zu einem anderen, der wieder zu einem anderen führt, und einem anderen, und einem anderen, und so weiter. Fünfzehn Minuten später wachen wir plötzlich auf und stellen fest, dass wir die ganze Zeit in einem Tagtraum oder einer sexuellen Fantasie oder Sorgen über unsere Rechnungen oder was auch immer festgesteckt haben.

Wir nutzen den Atem als unser Konzentrationsobjekt. Er ist für uns der zentrale unerlässliche Bezugspunkt, von dem aus der Geist umherwandert und auf den er zurückgelenkt wird. Ablenkung kann gar nicht als Ablenkung angesehen werden, es sei denn, es gibt einen zentralen Fokus, von dem man abgelenkt werden kann. Das ist der Bezugsrahmen, an dem wir die unaufhörlichen Veränderungen und Unterbrechungen messen können, die als Teil des normalen Denkens ständig stattfinden.

 

Wilde Elefanten zähmen

 

Alte Pali-Texte vergleichen Meditation mit dem Prozess der Zähmung eines wilden Elefanten. Das damalige Verfahren bestand darin, ein gerade gefangenes Tier mit einem guten starken Seil an einen Pfosten zu binden. Wenn man das tut, ist der Elefant wütend. Er schreit und trampelt und zieht tagelang am Seil. Schließlich erkennt er, dass er nicht entkommen kann, und er beruhigt sich.

An diesem Punkt kannst man damit beginnen, ihn zu füttern und sich mit ihm unter Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen beschäftigen. Schließlich kann man auf das Seil und den Pfosten ganz verzichten und man kann seinen Elefanten für verschiedene Aufgaben ausbilden. Jetzt hat man einen gezähmten Elefanten, der nützlich zum Erledigen von Arbeit eingesetzt werden kann.

 

Damit verbunden: Atmung

 

In dieser Analogie ist der wilde Elefant dein wild aktiver Geist, das Seil ist die Achtsamkeit und der Pfosten ist unser Meditationsobjekt, unser Atem. Der gezähmte Elefant, der aus diesen Arbeitsgängen hervorgeht, ist ein gut geschulter konzentrierter Geist, der dann für die äußerst schwierige Aufgabe verwendet werden kann, die Schichten der Illusion zu durchdringen, die die Realität verdecken. Meditation zähmt den Geist.

 

Warum der Atem?

 

Die nächste Frage, der wir uns widmen müssen, ist: Warum sollte man den Atem als zentrales Objekt der Meditation wählen? Warum nicht etwas ein wenig Interessanteres? Die Antworten darauf sind zahlreich. Ein nützliches Meditationsobjekt sollte eines sein, das die Achtsamkeit fördert. Es sollte tragbar, leicht verfügbar und kostengünstig sein. Es sollte auch etwas sein, das uns nicht in jene Geisteszustände verwickelt, von denen wir uns zu befreien suchen, wie Gier, Wut und Verblendung.

Der Atem erfüllt all diese Kriterien und noch mehr. Er ist etwas, das allen Menschen gemein ist. Wir tragen ihn immer mit uns, wohin wir auch gehen. Er ist immer da, ständig verfügbar, er erlischt niemals von der Geburt bis zum Tode und er kostet nichts.

Der Atmen ist ein nicht-konzeptioneller Prozess, etwas, das ohne Nachdenken direkt erlebt werden kann. Außerdem ist er ein sehr lebendiger Prozess, ein Aspekt des Lebens, der sich in ständigem Wandel befindet. Der Atem bewegt sich in Zyklen – Einatmen und Ausatmen, Ein- und Ausatmen. Es ist also ein miniaturisiertes Modell des Lebens an sich.

Der Atem ist ein Phänomen, das allen Lebewesen gemein ist. Ein korrektes erfahrungsmäßiges Verständnis des Prozesses bringt dich anderen Lebewesen näher. Es zeigt dir deine grundlegende Verbundenheit mit allen Lebenden. Zu guter Letzt ist Atmen ein Prozess im Hier und Jetzt.

Der erste Schritt, um den Atem als Meditationsobjekt nutzen zu können, ist, ihn zu finden. Wonach du suchst ist das physische konkrete Erspüren der Luft, die durch die Nasenlöcher ein- und ausströmt. Dies ist für gewöhnlich genau an der Innenseite der Nasenspitze möglich. Aber die genaue Stelle variiert von Mensch zu Mensch, abhängig von der Form der Nase.

Um die für dich geeignete Stelle zu finden, nimm einen schnellen tiefen Atemzug und nimm ihn wahr und fokussiere dich genau darauf, wo du in der Nase oder an der oberen Nasenspitze das deutlichste Gespür für das Strömen der Luft hast. Atme nun aus und nimm das Gefühl an derselben Stelle wahr. An genau dieser Stelle wirst du den gesamten Atemzug verfolgen.

 

Nicht immer ganz einfach

 

Wenn du erstmalig mit dieser Methode beginnst, solltest du mit einigen Schwierigkeiten rechnen. Dein Verstand wird ständig abschweifen, er wird herumschwirren wie eine Hummel und wild die Themen wechseln. Versuche, dir keine Sorgen zu machen. Dieses Phänomen des Gedankenkarussells ist bestens bekannt. Es ist etwas, mit dem sich jeder fortgeschrittene Meditierende herumzuschlagen hatte und durch das er sich auf die ein oder andere Weise hindurchgekämpft hat. Und auch du wirst das schaffen.

Wenn es auftritt, dann nimm einfach die Tatsache wahr, dass du nachgedacht, einem Tagtraum nachgehangen, dir Sorgen gemacht hast oder was auch immer. Kehre einfach behutsam, aber nachdrücklich zum bloßen körperlichen Empfinden des Atems zurück, ganz ohne dich darüber aufzuregen oder dich selbst dafür zu verurteilen, abgeschweift zu sein. Wiederhole dies beim nächsten Mal wieder, und wieder, und wieder, und wieder.

Im Wesentlichen ist die Vipassana-Meditation ein Prozess der den Geist neu ausrichtet. Der Zustand, den du anstrebt, ist ein Zustand, in dem du dir vollständig bewusst bist, was alles in deinem eigenen Wahrnehmungsuniversum passiert, auf welche Art und Weise es genau passiert, wann genau es passiert; vollständiges, ungebrochenes Gewahrsein im Hier und Jetzt.

Dies ist ein unglaublich hoch gestecktes Ziel und kann nicht von jetzt auf gleich erreicht werden. Es braucht Übung, also fangen wir klein an. Wir beginnen damit, uns einer kleinen Zeiteinheit, nur einem einzigen Einatmen, vollkommen bewusst zu werden. Und, wenn du dies geschafft hast, bist du auf dem Weg zu einer ganz neuen Lebenswirklichkeit.

 

* Bhante Henepola Gunaratana ist ein buddhistischer Mönch aus Sri Lanka und Autor von „Die Praxis der Achtsamkeit“ [Mindfulness in Plain English]. Er ist Präsident der Bhavana Society in High View, West Virginia, einer Organisation, die Meditation und klösterliches Leben fördert. 

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