Was ist die wichtigste Lehre des Buddhismus?

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Von Jochen Weber

JOCHEN WEBER, Arzt und Vipassana / MBSR-Lehrer. Zusammen mit seiner Frau Gründer und Manager der Buddha-Stiftung seit 2002. Langjähriger Praktizierender in der säkular buddhistischen Tradition von Stephen Batchelor.

Veröffentlicht 2. Januar 2019

Die Kernaussage des Buddhismus

Die wichtigste Lehre des Buddhismus ist in den sogenannten Vier Edlen Wahrheiten zusammengefasst. Die “Vier Edlen Wahrheiten”, oder besser “Vier Aufgaben” sind ein zu übender Weg, mit den unvermeidlichen Tatsachen des menschlichen Lebens (“Leiden”) weise umzugehen. Die These des Buddha ist, dass jeder Weisheit und Gelassenheit auf diesem Weg entwickeln kann, um in den großen und kleinen Stürmen des Lebens (Leiden) den Kurs halten zu können. Gotama, der historische Buddha, hat dies ein einem alten Text (Palikanon) so formuliert: “.. Dies nur…verkünde ich, früher wie heute: das Leiden und des Leidens Aufhebung .” (Samyutta Nikaya 22.86). Um diesen Weg zu praktizieren muss man keine Buddhistin sein.

Die Vier Aufgaben (Vier Edle Wahrheiten)

Die erste Unterweisung, die der Buddha nach seinem Erwachen (“Erleuchtung”) gab, war zu den Vier Aufgaben (älterer Begriff: vier edle Wahrheiten). Diese Erkenntnis hatte er durch Einsicht in seine Erfahrungen als Mensch und in der Meditation erlangt, sie wird von Buddha als “Erwachen” beschrieben.

Jede der Vier Aufgaben bezieht sich auf einen Aspekt des Leidens, das ein unausweichlicher Teil des Lebens ist (Alter, Krankheit, Tod, Frust, Stress etc.). Die traditionelle buddhistische Darstellung der Vier Edlen Wahrheiten sind:

– die Wahrheit über das Leiden (dukkha),
– die Wahrheit über die Ursache des Leidens (samudaya),
– die Wahrheit über das Ende des Leidens (nirodha) und
– die Wahrheit über den Weg, der zum Ende des Leidens führt (magga).

Die Vier Edlen Wahrheiten können mit der Tätigkeit eines Arztes verglichen werden. Ein Arzt (der Buddha bzw. der buddh. Praktizierende) erkennt die Symptome und das Problem (das Leiden), identifiziert die zugrundeliegenden Ursachen und leitet daraus die Diagnose ab, gibt eine Prognose ab und verordnet Behandlungsmaßnahmen.

Aktionsplan statt Glaubensinhalt

Die Vier Edlen Wahrheiten sind ein Aktionsplan für den Umgang mit dem unvermeidlichen Leiden gedacht, das mit dem Menschsein untrennbar verbunden sind. In diesem Sinne werden sie besser als Aufgaben betrachtet, die es umzusetzen gilt denn als Wahrheiten, die es zu glauben gilt. Der ehemalige buddhistische Mönch und Lehrer Stephen Batchelor hat die Vier Edlen Wahrheiten vom Status eines Glaubensinhalts befreit und als persönliche zu erledigende Aufgaben formuliert. Er hat die Vier Aufgaben unter der Formal ELSA zusammengefasst.

ELSA (embrace,let go, stopping, act)

– Lerne, das Leben in seiner Gesamtheit anzunehmen (embrace), mit allen freudigen und traurigen Aspekten
– Lerne, deine automatischen reaktiven Muster als Ursache zusätzlichen Leidens loszulassen (let go)
– Erfahre, wie durch die Übung der vier Aufgaben automatische, reaktive Muster nachlassen (stopping) und dir so mehr Freiheit geben
– Lerne so zu handeln (act), dass es dir und anderen hilft (achtfacher Pfad

Die grundlegende Botschaft des Buddhismus in zwei Sätzen

Nichts was von dem was uns an materiellen und immateriellen Dingen im Leben begegnet, sollte festgehalten werden, da alles vergänglich ist, auch nicht unsere Reaktionen auf Umwelt und Gefühle. Durch Übung lernen und erfahren wir, dass unsere automatischen Reaktionen nachlassen und wir dadurch Freiheit (Nibbana / Virvana) gewinnen. 
Der Buddha hat dies in einem sehr langen Satz so formuliert: „Da hat ein Bhikkhu Übender vernommen, daß alle Dinge nicht des Anklammerns wert sind. Wenn ein Bhikkhu vernommen hat, daß alle Dinge nicht des Anklammerns wert sind, erkennt er alle Dinge unmittelbar; indem er alle Dinge unmittelbar erkennt, durchschaut er alle Dinge vollständig; indem er alle Dinge vollständig durchschaut, verweilt er in der Betrachtung der Vergänglichkeit von Gefühl; was für ein Gefühl er auch immer empfinden mag, ob angenehm oder schmerzhaft oder weder schmerzhaft noch angenehm; er betrachtet die Lossagung, betrachtet das Aufhören, betrachtet das Loslassen. Indem er so betrachtet, haftet er an nichts in der Welt an. Wenn er nicht anhaftet, ist er nicht aufgeregt. Wenn er nicht aufgeregt ist, erlangt er persönlich Nibbāna.“  (MN 37, Die kürzere Lehrrede über die Vernichtung des Begehrens) 

Mittlerer Weg

Der Mittlere Weg wurde erstmals durch den Buddha gelehrt. Der Mittlere Weg ist die erste Unterweisung, die Gautama, der historische Buddha in seiner ersten Lehrrede gab. Was häufig im Buddhismus übersehen wird, auch bei buddhistischen Praktizierenden, dass der Buddha in seiner ersten Unterweisung als allererstes dargelegt hat, dass seine Lehre die des Mittleren Weges ist, noch vor den Vier Aufgaben.

Er bildet die Grundlage einer praxisbezogenen Methode in Hinblick auf Meditation, Ethik und Weisheit. Der Mittlere Weg ist erfahrungsbezogen, authentisch und kreativ und steht unabhängig von der buddhistischen Tradition allen Menschen offen (s. Robert M. Ellis, Buddhas Mittlerer Weg, 2021).

Zusammenfassung

Zusammengefasst ist die wichtigste Lehre des Buddhismus die der Vier Edlen Wahrheiten oder besser Vier Aufgaben. Sie bilden den Kern aller buddhistischen Wege, Schulen und Traditionen. Die Essenz der Vier Aufgaben besteht darin, die mit einer menschlichen Existenz verbundenen Erfahrungen weise zu erfassen, zu ergründen und anzunehmen, seien es leidvolle oder freudvolle Ereignisse. Der Weg dorthin ist der achtspurige (achtfache) Pfad, die vierte der vier Aufgaben, Buddhas Anleitung für ein erfülltes und ethisches Leben.

 

 

 

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