Die Krise buddhistischer Institutionen und Gemeinschaften als Chance

Von Ursula Richard

URSULA RICHARD ist Verlegerin der edition steinrich (u.a. von Büchern Stephen Batchelors), Autorin und Übersetzerin vieler Bücher von Thich Nhath Hanh. Sie war langjährige Chefredakteurin von „Buddhismus Aktuell“, dem Magazin der Deutschen Buddhistischen Union. Seit mehr als 30 Jahren ist sie auf buddhistisch-meditativen Pfaden unterwegs und zunehmend an transkonfessionellen Ansätzen und Übungswegen interessiert. Sie lebt in Berlin und Wald/bei Zürich.

Veröffentlicht 18. Dezember 2019

„Es ist ein Riss in allen Dingen, so kommt das Licht hinein“

Die Krise buddhistischer Institutionen und Gemeinschaften als Chance

„Es ist ein Riss in allen Dingen, so kommt das Licht hinein“ sind zwei Zeilen eines Songs von Leonard Cohen, der sicher genau wusste, was diese Zeilen bedeuten und wie es sich anfühlt, diesen Riss bzw. Reißmoment zu spüren, hat er in seinem Leben doch etliche Schicksalsschläge erlebt. Nicht zuletzt diese haben ihn zeitweilig in ein kalifornisches Zenkloster geführt, Mount Baldy, das von dem Rinzaimeister Joshu Sasaki geleitet wurde. Viele Jahre, ja Jahrzehnte, hat es immer wieder Gerüchte über die sexuellen Übergriffe des Meisters gegeben gegenüber Schülerinnen oder seinen Assistentinnen, aber erst vor einigen Jahren, da war er schon über 100, haben die Verantwortlichen der Gemeinschaft nicht länger den Mantel des Schweigens über ihn und seine Taten hüllen wollen und sich mit Unterstützung externer Zenlehrenden an die Aufarbeitung der jahrzehntelangen Praxis, dem Gemisch aus den Taten Sasakis, dem Versuch der Opfer, sich Gehör zu verschaffen, und dem Vertuschen und der Diskreditierung der Opfer seitens der Sangha. Bedrückende Zeugnisse sind auf der Website der Gemeinschaft zu finden über die vielen Jahre, in denen Sasaki sein Verhalten fortsetzen konnte, ohne dass es Konsequenzen gehabt hätte.

Ebenso im Shimano Archive, das die sexuellen Übergriffe des Zenmeisters Eido Shimano dokumentiert. Er kam in den 60er Jahren aus Japan in die USA, lehrte kurzfristig auf Hawaii und lebte dort bei dem später selbst als Zenmeister berühmt gewordenen Zen-Mönch Robert Aitken. Als dieser mitbekam, dass Schimano sich an zwei Schülerinnen vergriff, entschloss sich Aitken, die Spuren des Missbrauchs zu dokumentieren, was er  fast 40 Jahre lang tat, auch als Schimano längst nicht mehr auf Hawai lebte. Diese Dokumentation wurde vor einigen Jahren digitalisiert und belegt Jahre und Jahrzehnte des Missbrauchs. Auch hier war Eido Shimano bereits in hohem Alter, als sich die Gemeinschaft von ihm zu distanzieren begann und ihn schließlich seiner Ämter enthob. Auch hier gab es aber schon in den Jahren, Jahrzehnten zuvor viele Gerüchte und Hinweise auf sein sexuell übergriffiges Verhalten, was in vielen Fällen während des Dokusan stattgefunden haben soll, der Einzelbegegnung zwischen Lehrer und Shülerin.

 

Missbrauch in buddhistischen Gemeinschaften durch Lehrer

 

Dies sind nur zwei Beispiele für die Art von Skandalen, in die große buddhistische, auch international operierende Gemeinschaften in den letzten Jahren verstrickt waren und sind. Es sind, und das ist sicher kein Zufall, vor allem Zen-Gemeinschaften und tibetisch-buddhistische.

Hier seien vor allem die tibetisch-buddhistische Organisation Rigpa um Sogyal Lakar genannt, über dessen skandalöses Verhalten man sich, wenn man denn wollte, im Internet und z.B. in einer Dokumentation des kanadischen Fernsehens, informieren konnte, lange bevor ein Brief von acht Schülerinnen und Schülern, fast alle in hohen, verantwortlichen Positionen bei Rigpa, sein Verhalten endgültig in aller Drastik publik machte und es damit zu einem Tipping Point kam. Genannt sei auch Shambhala, dessen Gründer Chögyam Trungpa als genialer Lehrer aber auch als  Womanizer und Alkoholiker bekannt war, aber auch seine Nachfolger sorgten für Skandale, zunächst Ösel Tendzin, der etliche seiner Schüler, mit HIV ansteckte, sowie Trungpas Sohn Sakyong Mipham Rinpoche, der wegen sexueller Übergriffe letztes Jahr in den Fokus der Aufmerksamkeit geriet. Dank des Project Sunshine Reports von Andrea Winn kam heraus, dass es auch sexuellen Missbrauch an Kindern/Jugendlichen seitens Shambhala-Lehrer gab bzw. erst in Folge dieses Berichts fühlten sich Frauen ermutigt, die sexuellen Übergriffe des  Sakyong bekannt zu machen..

Es lassen sich in allen Fällen gewisse Gemeinsamkeiten feststellen.

  1. Das Verhalten des Lehrers zog sich über Jahre, Jahrzehnte hin.
  2. Immer wieder gab es Gerüchte und Hinweise, Menschen, die sich zurückzogen und zumindest intern deutlich machten, warum sie es taten.
  3. Es gab innere Zirkel, Verantwortliche, die das Verhalten deckten, kleinredeten und vertuschten.
  4. Die Opfer wurden diskreditiert, der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen wurde bestritten.
  5. Es wurde immer nur so viel zugegeben, wie sich tatsächlich nicht mehr leugnen ließ.
  6. Die Verantwortlichen waren vor allem um den Ruf bzw. die drohende Rufschädigung der Gemeinschaft bzw. Institution besorgt.
  7. Das missbräuchliche Verhalten wurde durch die hierarchischen Strukturen begünstigt. (Der Zenmeister erhält durch die „Dharma-Übertragung“ ein einzigartiges Qualitätssiegel, das ihn auch in eine Tradition der Übertragung stellt, die mit Buddha selbst begann und bis heute reicht; der tibetische Meister ist u.U. als Tulku anerkannt, also als Wiedergeburt eines berühmten Vorgängers.)
  8. Bestimmte Lehren (z.b. Guru-Yoga) legitimieren jedes Verhalten des Meisters und verlangen vom Schüler, alle Taten als reine Taten eines Buddha zu sehen

Die Krise religiöser Institutionen

 

Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, welche erheblichen Risse in den großen, aber auch kleinen buddhistischen Gemeinschaften, aber auch in Verbänden in den letzten Jahren sichtbar geworden sind: Missbräuche in den Bereichen Sex, Macht und Geld, die vielfach so lange unter den Teppich gekehrt und geleugnet wurden, bis es gar nicht mehr anders ging, als immer gerade das zuzugeben, was sich nicht mehr verschwiegen ließ.

Die Reaktionen erinnern sehr an den jahrelangen ebenfalls mehr als zögerlichen, sehr gewundenen Umgang der christlichen Kirchen mit dem Thema Missbrauch. Das rechtfertigt sicher von einer Krise religiöser Organisationen zu sprechen, die bei den Kirchen u.a. durch massive Kirchenaustritte offenkundig wird, aber sich auch im buddhistischen Umfeld zeigt.

Der Buddhismus hat in den letzten Jahren auch in anderen Bereichen seine „Unschuld“ verloren, nicht zuletzt durch die aktuellen Geschehen in buddhistisch dominierten Ländern wie Myanmar, Sri Lanka und Thailand und eignet sich nicht mehr so leicht, wie noch vor Jahren, als Projektionsfläche zutiefst romantischer Ideen über eine ideale, friedvolle, Religion, deren Protagonisten nur von Mitgefühl und Weisheit geleitet ihren Adepten zur Erleuchtung verhelfen.

Die schmutzige Seite religiöser Institutionen ist zu deutlich geworden, zu der auch die Praxis institutionellen Selbstschutzes und Narzissmus gehört. Sind ab den 70er Jahren viele zum Buddhismus gekommen, weil sie eine schlechte christliche Praxis für ein buddhistisches Idealbild und eigene romantische Projektionen verlassen haben, ist dieses Bild heute so nur noch bei größter Naivität und Blindheit aufrechtzuerhalten.

Ob sich die religiösen Institutionen – buddhistische wie christliche – von ihren Krisen erholen und tatsächlich überleben, ist m. E. noch gar nicht ausgemacht. Der Jesuit und Zenlehrer Stefan Bauberger spricht davon, dass Institutionen jeder Art einen Selbsterhaltungstrieb haben, der umso ausgeprägter ist, je mehr Geld und Macht damit verbunden ist, andererseits sieht er aber immer wieder Erneuerungsbewegungen am Werke, in denen Einzelne und ganze Gruppen zu den Ursprüngen der jeweiligen Religion oder spirituellen Tradition zurückkehren. In diesen Bewegungen, so sagt er, verwirklicht sich Religion.

Er spricht von der Notwendigkeit einer Selbstrelativierung der Institutionen, die erkennen müssen, dass sie nur dann eine Daseinsberechtigung haben, wenn sie den Menschen dienen und nicht umgekehrt

Davon sind m. E. trotz etlicher Lippenbekenntnisse sowohl die christlichen Kirchen wie die buddhistischen Gemeinschaften noch meilenweit entfernt. Oft wird in dem Zusammenhang von einer Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise der Institutionen gesprochen und diese beklagt, übersehen wird dabei, dass dies für die Opfer eine recht zynische Perspektive ist, denn der Fokus und die Sorge gilt dabei wieder einmal nicht ihnen, sondern weiterhin dem Erhalt der Institutionen und Gemeinschaften wie zuvor das Vertuschen, Verschweigen, Leugnen oder Wegerklären und Diskreditieren der Opfer.

Es ist hier nicht der Ort und auch in der Kürze der Zeit nicht möglich, viel darüber zu sagen, wie sich historisch aus einer von ihrem Gründer Gautama Buddha eher demokratisch-republikanisch inspirierten Organisationsform von Gemeinschaft letztlich feudalistische, streng hierarchische Institutionen herausgebildet haben. Die in diesem Geiste und in dieser Kultur erzogenen buddhistischen Lehrer sind zu uns in den Westen gekommen. Mussten sie aus Tibet fliehen, war es ihnen zudem ein Anliegen, die tibetische Kultur so weit wie möglich zu erhalten und zu bewahren. Sie trafen dann im Westen auf spirituell hungrige, unerfüllte, mit der christlichen Tradition oder westlichen Kultur unzufriedene Menschen, die sich oftmals sehr kritisch mit den autoritären Strukturen ihrer eigenen Gesellschaft auseinandersetzten, sich dann aber schnell und bereitwillig den hierarchischen Strukturen der fremden Religion unterwarfen. Ein Aufeinandertreffen, das zu vielen interkulturellen Missverständnissen auf beiden Seiten einlud und so ist auch die Geschichte der Inkulturation des Buddhismus hier bei uns eine Geschichte voller Missverständnisse, voller Risse.

 

Die Ent-Täuschung der westlichen BuddhistInnen

 

Ob und wie die buddhistischen Institutionen diese Krise tatsächlich überleben oder nicht, erscheint mir, wie gesagt, noch nicht ausgemacht und es hängt von vielen Faktoren ab, die schwer einschätzbar sind. Viele Christen verlassen die Kirchen heute nicht nur wegen ihres zögerlichen Umgangs mit sexuellem Missbrauch und den Tätern, sondern auch wegen ihres Festhaltens an Dogmen (Zölibat, keine Frauen als Priesterinnen usw. im Rahmen der katholischen Kirche) und hierarchischen Strukturen, die immer weniger Gläubigen hier bei uns einleuchtend und wünschenswert erscheinen. Offen wird in Publik Forum, einer Zeitschrift für kritische Christen, der „Überlebenskampf der Kirchen“ thematisiert. Aber die christlichen Kirchen sind schon so lange Teil unserer Kultur, sie besitzen Geld, Besitz und Einfluss und sind, auch mit Steuergeldern, ein wichtiger Teil unseres sozialen Netzes (Krankenhäuser, Kindergärten, Altenheime etc.), das ihr Überleben in welch abgespeckter Form auch immer mir wahrscheinlich erscheint. Das alles gilt nicht für die hiesigen buddhistischen Institutionen. Ihr Verschwinden würde vermutlich gar nicht so groß auffallen.

Wie bei den christlichen Kirchen beschränkt sich die Krise buddhistischer Gemeinschaften und Institutionen nicht auf die oben erwähnten Fälle offenkundigen Missbrauchs, diese sind nur die Spitze der Eisberge.

Wie viele buddhistische Gemeinschaften werden geleitet von auch westlichen Lehrenden mit recht ausgeprägten narzisstischen Neigungen, die, um sie gut ausleben zu können, Schülerinnen und Schüler brauchen, die ihr Erwachsensein anderen Bereichen vorbehalten und sich in der Beziehung zum/zur Lehrenden infantil und devot verhalten? Der Wunsch, vom Lehrerenden gesehen, gemocht und möglichst als etwas Besonderes anerkannt zu werden, der Wunsch, sich zugehörig zu fühlen zu einer Tradition, einem Lehrer, einer Meisterin, einer Gemeinschaft, so verständlich und legitim er auf der einen Seite ist, so sehr können dieser eine Spiritualität im Wege stehen, die ohne kindliche Erlösungs- und Verehrungssehnsüchte auskommt und die, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sagt, „das verwundete, aus krummem Holz geschnitzte, aber immer noch gegebene Vorbild als Normalität akzeptiert, letztlich im Meister vor allem den anderen Menschen sieht, der einem manches voraus hat und vieles beibringen kann, der aber keineswegs unfehlbar und allwissend ist“.

Die buddhistische Lehrerin Sylvia Wetzel spricht davon, dass viele Buddhistinnen und Buddhisten hier im Westen in ihrem Verständnis von Buddhismus noch vor der Aufklärung stehen und damit im Mittelalter stecken geblieben sind und ihnen von daher auch ein multiperspektivisches Denken fremd sei.

Die oben skizzierte gegenwärtige Krise buddhistischer Institutionen und Gemeinschaften kann – das ist meine Hoffnung – zu einer letztlich heilsamen Ent-Täuschung von Buddhistinnen und Buddhisten führen. Wir haben uns getäuscht, nicht klar gesehen, haben vielfach das gesehen, was wir vielleicht sehen wollten, was mehr unsere romantischen Ideale wiederspiegelte als die Wirklichkeit. Jetzt sind wir ent-täuscht, das heißt aber auch, dass ein frischer neuer Blick auf das, was da ist, möglich wird.

Die gegenwärtige Krise bietet meines Erachtens die Chance und Notwendigkeit eines spirituellen Erwachsenwerdens.

Dazu gehört

  • sich immer wieder bewusst zu machen, um mit Paul Tillich zu sprechen, was denn mein eigenes letztes unbedingtes Anliegen ist, von dem ich mich ergreifen und führen lassen will.
  • sich ehrlich immer wieder Rechenschaft darüber abzulegen, was die eigene tiefste Sehnsucht, Aspiration ist und wie ich glaube, sie am besten realisieren zu können. Welche Qualitäten ich dazu entwickeln will.
  • Sich klarzumachen, was die eigenen ethischen Werte sind, an denen ich mich orientieren will und was mich am besten unterstützen kann, dies zu tun.
  • Sich die Zeit zu nehmen für eine ehrliche an den eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen orientierten Selbsterforschung, statt einfach Glaubenssätze nachzubeten, sie für Wahrheiten zu halten und als solche zu verteidigen.
  • bereit zu sein, die Verantwortung für mich selbst zu übernehmen, statt sie an andere zu delegieren und dafür Erlösung oder Erleuchtung zu erwarten.
  • zu erkennen, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt.

 

Wir sind heute vor großen Herausforderungen gestellt:

  • die drohende Klimakatastrophe
  • eine wachsende Schere zwischen Arm und Reich
  • eine Gesellschaft der Singularitäten, wie der Soziologe Andreas Reckwitz sagt, in der bisher als verbindlich geltende Vereinbarungen und Sicherheiten immer brüchiger werden
  • eine wachsende Polarisierung
  • ein zunehmender Rechtspopulismus
  • eine Entsolidarisierung
  • eine wachsende Ungewissheit darüber, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält
  • selbst unsere Demokratie scheint auf einmal zu einem gefährdeten Gut zu werden

Dies nur als Stichworte, die hier nicht weiter auch in ihren Konsequenzen ausgeführt werden können.

Auch buddhistisch Praktizierende sind Teil dieser gesellschaftlich-kulturellen Entwicklung und existieren nicht außerhalb davon, selbst wenn sie ihre Tage nur auf dem Meditationskissen zubringen würden.

Und das bedeutet, dass wir nicht dabei stehenbleiben können, uns um unser eigenes Glück, unseren eigenen inneren Frieden, unser eigenes Erblühen zu kümmern, dass wir um unser kleines Ich-Gärtchen Mauern bauen, weil wir Angst haben vor dem Unkraut in Nachbars Garten. Das wird auch gar nicht funktionieren, selbst wenn sich manche Aussagen buddhistischer Lehrender, die inspiriert durch die positive Psychologie, von einem inneren Glück und Frieden sprechen, die gänzlich unabhängig von äußeren Umständen.

 

Verbundenheit als Wertschätzung der Andersheit

 

Die französische Philosophin Corinne Pelluchon spricht in ihrem Buch „Ethik der Wertschätzung“ davon, dass wir den Sinn der Existenz in der Liebe zur Welt statt in der Sorge um sich selbst suchen sollten. Aber sie zitierend habe ich buddhistisches Terrain eigentlich schon verlassen.

Und das mit Absicht. Denn ich bin der Meinung, dass eine erwachsene Spiritualität hier und heute bedeuten sollte, immer wieder über den eigenen Tellerrand zu schauen, welche Erkenntnisse und Perspektiven aus westlichen wie auch aus anderen Traditionen (Philosophie, Kunst, Wissenschaft) uns inspirieren und für die Welt öffnen und unser Engagement unterstützen können, und wir hier keine Berührungsängste haben sollten.

Mich hat in der Hinsicht ein Vortrag von Salli B. King auf einem buddhistischen Kongress in Hamburg 2018 nachhaltig beindruckt und beeinflusst Sallie King ist emeritierte Professorin für Philosophie und Religion an der Madison University, USA. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören interreligiöser Dialog, sozial engagierter Buddhismus, interkulturelle Philosophie der Religionen sowie der Bereich „Frauen und Religion“. Sie sprach in Hamburg über das Thema  „Andersheit als eine Herausforderung für den Buddhismus“ und eröffnete neben der Vorstellung von Verbundenheit, bedingtem Entstehen und Einssein als zentrale buddhistische Perspektiven für ethisches Verhalten die Perspektive von Andersheit oder Alterität als eine ebenso starke Sicht und Motivation für ethisches Handeln. Sie erwähnte den amerikanischen Zenmeister Bernie Glassman, der einmal sinngemäß gesagt haben: „Viele Leute wollen eins mit anderen sein, aber ihre Idee von Einssein ist: ‚Du solltest so sein wie ich.‘“ Wir wollen nicht eins mit jemandem sein, der so ganz anders ist als wir. Wir wollen uns nicht verbunden fühlen, mit Menschen, die wir nicht mögen, die uns fremd sind, die wir nicht verstehen. Diese Vorstellungen sind sehr in unserer Psyche verankert. Und so tun wir uns gern in Gruppen Gleichgesinnter zusammen in homogenen Blasen, in denen wir uns alle wunderbar verbunden fühlen können, weil wir alle das Gleiche denken. Und das passiert heute ja allenthalben, im gesellschaftlichen Bereich, in den sozialen Netzwerken, im extrem in den identitären Bewegungen, aber auch in spirituellen, in buddhistischen Kreisen.

Sich verbunden fühlen ist ein sehr schönes, aber eben auch verführerisches Gefühl und weil es sich so gut anfühlt, suchen wir es, so oft wie möglich zu erleben. Aber wir bleiben in diesem Gefühl auch oft stecken. Dabei geht es bei Verbundenheit ja letztlich um sehr viel mehr als um ein Gefühl, es geht auch um ein Handeln aus dem Raum der Verbundenheit heraus.

Wenn aus oben erwähnten Gründen Verbundenheit vor allem als Verbundenheit mit mir Ähnlichem, mir Angenehmem verstanden wird, bedeutet dies, dass Verschiedenheit oder Andersheit wenig wertgeschätzt oder als Bereicherung empfunden, sondern eher als Bedrohung wahrgenommen wird. Das kann dazu führen, dass eine dominante Gruppe ihre eigenen Ansichten und Anliegen für normativ oder die einzig gültigen hält beziehungsweise andere, die sich nicht in die dominante Gruppe einfügen wollen, ablehnen oder sogar unterdrücken und bekämpfen und ihnen den Zugang zu Macht und Einfluss verwehren oder einschränken.

Ohne die Wertschätzung von Andersheit nimmt man sich, auch im spirituellen Bereich, die Möglichkeit, von anderen zu lernen, und die blinden Flecken und Unvollkommenheiten des eigenen Glaubenssystems bleiben einem verborgen. So hat Glassman mit katholischen Nonnen Zen geübt und sie dann auch zu ihren Erfahrungen befragt. Als die Nonnen von Gotteserfahrungen sprachen, hat er das, wie er sagte, innerlich sofort abgetan und gedacht, die haben doch keine Ahnung, um was es bei Zen geht. Und das bei Nonnen, die eine zum Teil jahrzehntelange kontemplative Praxis hatten, aber ihre Erfahrungen passten nicht in das Bild Glassmans davon, was man durch Zen erfahren kann …

Welche fatalen Folgen die Vorstellung von Verbundenheit, Einssein und Harmonie haben kann, hat Brian Victoria in seinem Buch „Zen, Nationalismus und Krieg“ sehr eindrücklich dokumentiert, in dem er die nationalistischen, kriegsbejahenden Äußerungen namhafter japanischer Zenmeister dokumentierte.

Diese Beispiele mögen genügen, um die Schattenseiten des Konzepts „Verbundenheit“ anzudeuten und verständlich zu machen, warum Salli King (und nach ihrem Vortrag ich auch) so fasziniert war, als sie dem jüdischen Philosophen Emmanuel Levinas und seinem Ansatz der Andersheit, der Alterität begegnete

Levinas, der aus dem litauischen Judentum stammt und dessen Eltern von den Nazis ermordet wurden, hat selbst fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft verbracht. Im Mittelpunkt seines Denkens steht die grundsätzliche absolute Andersheit des anderen. Der Andere ist nach Levinas nicht einfach ein Exemplar der Gattung Mensch, sondern er hat ein Antlitz, das unverwechselbar, einzigartig ist. Und das Antlitz des Anderen, das wir durch unseren Blick gewahren, sagt uns: „Verletze mich nicht.“ Daraus erwächst für uns durch den Blick in das Antlitz des Anderen, die „Aufforderung“, für ihn Sorge zu tragen, uns um ihn zu kümmern. Und erst in der Begegnung mit dem Anderen entsteht das Bewusstsein unserer selbst und unsere Freiheit.

 

Auf dem Weg zu einer erwachsenen Spiritualität

 

Für Levinas war die Erfahrung des Krieges der Hauptgrund seines Denkens.  Heute sind es, wie die bereits erwähnte französische Philosophin Corine Pelluchon sagt, die sich sehr intensiv mit Levinas beschäftigt hat, die Erosion des Politischen in den Demokratien und die ökologische Gefahr, die Gewalt gegenüber dem menschlichen, aber vor allem dem nichtmenschlichen Leben, die uns vor die Frage stellen, wer sich um wen kümmert, wie wir uns für den anderen öffnen, wer sich um das Lebendige sorgt und die Bedürftigkeit anerkennt, wenn die politischen Institutionen dazu nicht in der Lage sind oder sich verschließen. .

In der ungewissen Welt der Gegenwart, so  Pelluchon,  spüren wir unsere eigene Schutzlosigkeit auf bedrohliche Weise und fürchten unsere Sterblichkeit. Und so rückt nun das verwundbare, leidende Individuum ins Zentrum der Aufmerksamkeit auch der europäischen Philosophie, der Mensch mit all seiner Bedürftigkeit.

Pulluchon zufolge kann Levinas uns dabei ermutigen. Er hat in seiner Schrift Namenlos das Bild einer Hütte geprägt, der unser Bewusstsein ähnlich ist; einer nach allen Winden offenen Laubhütte, in der die Menschlichkeit Obdach findet, wenn sich vertraute Werteordnungen als hinfällig erweisen, eine radikale Verortung ins Individuum und die Selbstverantwortung.

Ich glaube, dass es hier deutliche Berührungspunkte gibt zwischen buddhistischen Ansätzen und dem Ansatz von Levinas oder auch anderen Ansätzen westlicher Philosophie, die das verwundbare, leidende Individuum in den Blick nehmen, und dass es sich lohnt, diese Berührungspunkte, dieses Feld anzuschauen und auszuloten.

Ich glaube, eine erwachsene Spiritualität ist grenzüberschreitend ohne standpunktlos zu sein, sie ist engagiert und in der Welt verortet, ohne Transzendenz zu leugnen. Ihr Kennzeichen ist ein offener weiter Geist, dessen Horizont die Liebe zur Welt ist, was die Sorge für mich und dich mit einschließt, ein Bewusstsein dafür, dass wir Teil des unendlichen Lebensstroms sind und unsere Verantwortung damit weit über unser eigenes begrenztes Leben hinausgeht.

Von Ursula Richard überarbeiteter Vortrag, gehalten auf dem 3. Heidelberger Symposium Säkularer Buddhismus und Gemeinschaft 22. – 24.11.2019

Ring the bells that still can ring

Forget your perfect offering

There is a crack in everything

That’s how the light gets in

Leonard Cohen: Anthem

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