Buddha und Corona

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Von Jochen Weber

JOCHEN WEBER, Arzt und MBSR-Lehrer. Zusammen mit seiner Frau Gründer und Manager der Buddha-Stiftung seit 2002. Langjähriger Praktizierender in der säkular buddhistischen Tradition von Stephen Batchelor.

Veröffentlicht 13. April 2020

Der buddhistische Wegweiser durch die Corona-Pandemie

Dieser Beitrag zeigt die praktischen Empfehlungen zum aktiven und selbstverantwortlichen Umgang mit einer existenziellen Krise, wie sie uns von Gautama, dem historischen Buddha, mit auf den Weg gegeben wurden.

In diesen Tagen habe viele das Gefühl, „dass nicht nichts mehr ist, wie es mal war“. Seit die ganze Welt mehr oder weniger still steht und nicht absehbar ist, wann die Corona-Krise endet, sind alle Menschen vereint im Warten. Zum Warten gesellt sich die Ungewissheit darüber, wie es mit uns persönlich, unserer Gesellschaft und der ganzen Welt weitergeht. Keiner von uns kann mit Gewissheit sagen, wie sich die Gesundheit, die berufliche und wirtschaftliche Situation von uns selbst und unserem sozialen Umfeld entwickeln wird.

Wir haben nur bedingt Kontrolle über unser Leben

Wir sind überrascht, dass plötzlich nichts mehr so ist, wie es einmal war. Wir halten plötzlich Abstand zu Freunden, Angehörigen und andere Menschen halten Abstand zu uns. Social Distancing lässt uns subtil wahrnehmen oder erahnen, was es heißt einsam zu sein, wenn man vorher in der glücklichen Lage war, in ein soziales Netz eingebettet zu sein.
Es kann sein, dass ein diffuses Gefühl der Hilflosigkeit in Anbetracht der aktuellen Situation entsteht. Oder da ist plötzlich Angst um sich selbst, Freunde oder andere Menschen, Angst bei Hilfesuchenden und bei HelferInnen.

Vielleicht meinen wir zu sehen, dass andere in dieser Situation besser aufgefangen werden oder weniger finanzielle Sorgen haben. Dies kann Anlass dazu geben, sich ungerecht behandelt zu fühlen. Wenn die Unsicherheit und gefühlte Ungerechtigkeit in Wut umschlägt, kann Diskriminierung und Gewalt gegen Menschen resultieren im eigenen Haushalt, gegen bestimmte Altersgruppen oder Menschen einer bestimmten Herkunft.

Neues Virus – alte Weisheit

Man muss kein Buddhist sein, um aus eigener Erfahrung zu wissen, dass unangenehme Gefühle, schwierige Probleme oder Gedanken nicht einfach verschwinden, wenn man sie auslebt oder ignoriert. Oder dass

  • Menschen in Panik dazu neigen, nicht die besten Entscheidungen zu treffen. Klopapier-Hamsterkäufe oder politische Ignoranz sind aktuelle Beispiele.
  • die Dinge und Menschen, die wir schätzen, nicht für immer da sein werden.
  • wir unabhängig von einem Glauben immer Teil der existenziellen Gemeinschaft aller Menschen sind, egal wie allein wir uns fühlen.
  • dass es uns am besten geht, wenn wir uns umeinander kümmern und uns umarmen können.
  • Buddhas Lehre, der Dharma, stellt die genannten Gegebenheiten in den Vordergrund und fordert uns auf, sie aktiv in unser Leben zu integrieren, weil wir sonst automatisch zu sehr von unserer Alltagsroutine absorbiert sind.

Warten und Alleinsein als Chance

Warten oder Alleinsein müssen keine verlorene Zeit sein. Manche Praktizierende des buddhistischen Weges spüren jetzt vielleicht, dass diese Lehren sie auf Zeiten wie diese vorbereitet haben.
Andere erinnern sich vielleicht daran, dass sie jetzt zu ihnen zurückkehren können, oder sie sind diesen Ideen schon einmal begegnet und sehen sie jetzt in einem neuen Licht. Es gibt auch diejenigen, die momentan das Gefühl haben, dass sie aktuell keinen Zugang zu Buddhas Weg, dem Dharma haben.

Und es gibt Menschen, die durch das behördliche verordnete Warten zum ersten Mal Zeit finden, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist im Leben und was es heißt, ein erfülltes Leben zu führen.
Das Coronavirus bietet uns durch die zeitlichen und räumlichen Einschränkungen eine Gelegenheit zur Reflexion. Es zeigt uns, dass es nicht lebensnotwendig ist, sieben Tage in der Woche und 24 Stunden am Tag einkaufen zu können. Es entbindet uns der scheinbaren Verpflichtung, ständig verfügbar und mobil sein zu müssen, sich ständig selbst zu optimieren oder alles zu planen aus Angst, sonst die Kontrolle zu verlieren.

Es ermöglicht uns, den Menschen wieder näher zu kommen, die uns wichtig sind und Ihnen zuzuhören. Die verordnete Entschleunigung kann als eine Gelegenheit genutzt werden, sich die alte philosophische Frage vielleicht zum ersten Mal im Leben zu stellen, was ein gutes und ethisches Leben ist.

Das kleine Virus als großer buddhistischer Lehrer

Allen Lebewesen, Dingen und Situationen ist gemeinsam, dass sie keinen dauerhaften Kern besitzen. Alles ändert sich ständig, die Dinge bleiben nicht wie sie waren. Der Buddha nannte diese simple Tatsache Anatta, sie ist mit dem Verstand theoretisch nachvollziehbar, dazu braucht man kein Buddhist zu sein.
Wenn wir diese Tatsache jedoch nicht nur theoretisch, sondern allumfassend begreifen würden, hätte uns die Coronakrise mit ihren Folgen nicht überrascht und aus der Bahn geworfen. Eine Pandemie kann in einer globalisierten Welt immer ausbrechen und eine Krankheit kann von heute auf morgen jeden von uns treffen.

Da wir entsprechend unserer evolutionären Entwicklung jedoch eher dazu neigen, angenehme Dinge im Lebn zu suchen und unangenehme zu vermeiden, sind wir jedes Mal aufs Neue überrascht, wenn wir mit unvermeidlichen Dingen, etwa einer potentiell tödlichen Viruserkrankung konfrontiert werden, die plötzlich und in einem unerwarteten Ausmaß unser Leben ändert. Wir fühlen uns dann bedroht.

Diese Überraschung und das Leiden (dukkha) durch die unausweichlichen Tatsachen der menschlichen Existenz wie Alter, Krankheit, Tod oder Verluste materieller und immaterieller Art sind die grundlegenden Tatsachen der menschlichen Existenz. Als erste Aufgabe (Synonym „erste edle Wahrheit“) hat der Buddha deshalb formuliert, diese Tatsachen des Lebens als gegeben anzunehmen. In den weiteren drei Aufgaben wird dargelegt, wie es uns dies gelingen kann.

Dieses Annehmen oder Lockerlassen ist mehr als verstandesmäßiges Ja-Sagen. Es umfasst das aktive Kultivieren einer akzeptierenden Haltung in der Meditation und im Alltag. Wer regelmäßig, z.B. in der Vipassana-Meditation, der dauerhaften Veränderung und Unbeständigkeit aller Aspekte des Lebens Raum gibt, hat die Chance, bei einer Krise wie dieser im Alltag dann weniger emotional belastet zu sein.

Buddhas Empfehlung für das Leben in Zeiten von Corona

Der hilfreiche Umgang mit Unsicherheit, Angst, Wut oder sozialen Herausforderungen ist sicherlich für viele in Zeiten dieser Krise ein vermehrtes Bedürfnis. Hilfreich für den Umgang mit Gefühlen ist die Arbeit mit den vier Eigenschaften oder Qualitäten (brahmaviras), die aktiv in der buddhistischen Meditation seit Buddhas Zeiten kultiviert werden (Palikanon MN 62 18-24).

Dazu gehören Metta, Freundlichkeit bzw. Wohlwollen (auch liebende Güte genannt), Mitgefühl (karuna), mitfühlende Freude (mudita) und Gleichmut bzw. annehmende Gelassenheit (upekkha). Diese Eigenschaften besitzt grundsätzlich jeder Mensch, wir müssen sie uns nicht erst erarbeiten.

Diese vier Eigenschaften können aktiv kultiviert werden, sowohl in der Meditation als auch im Alltag. Diese Eigenschaften helfen uns selbst und sind auf der anderen Seite auch soziale Qualitäten, da sie immer auch die anderen mit einschließen. Sie sind auch Eigenschaften, die wichtig sind für ein ethisches Leben und gleichzeitig Antidot für Gefühle, die uns und anderen das Leben schwer machen, wie z.B. Feindseligkeit, Egoismus oder Besitzstreben.

Metta

Metta ist die Freund(schaft)lichkeit uns selbst und anderen gegenüber, egal ob wir an etwas leiden oder nicht. In Krisenzeiten, die uns Angst machen, entsteht aus der Angst der Schutzreflex, uns selbst zu schützen. Dadurch sind wir vermehrt selbstzentriert und egoistisch. Die Kultivierung von Metta ermöglicht es, uns auch in Krisenzeiten dem eigenen Leben und dem der anderen gegenüber zu öffnen. Für wissenschaftlich orientierte Menschen mag es motivierend sein, dass in Studien die Wirksamkeit einer kurzen, regelmäßigen Metta-Meditation wirksam war, sowohl für Menschen im Gesundheitswesen als auch in anderen Bereichen.

Karuna

Karuna oder Mitgefühl (nicht Mitleid) bezieht sich auf das Leiden und richtet sich sowohl an die eigene Person als auch an andere Menschen. Karuna schützt uns vor der Gefahr eines überwältigenden Gefühls im Hinblick auf das eigene Leiden, das anderer Menschen und das der ganzen Welt. Dies umfasst auch die Sorge um die Zukunft. Dabei wird anerkannt, dass Leiden existiert, schmerzhaft ist und zu Isolation führen kann gefolgt von dem Wunsch, man selbst und andere mögen frei sein von Schmerz, Krankheit oder Gefahr.

Diese Praxis lenkt den Fokus von sorgenvollen Gedanken oder Gefühlen der Hilflosigkeit ins Hier und Jetzt und eröffnet damit die Möglichkeit, kreativ das anzugehen, was im aktuellen Moment hilfreich und zu tun ist.
Zur Kultivierung dieser Eigenschaft können Meditationsanleitungen herangezogen werden; am besten erlernt man diese Praxis (wie auch der anderen drei Qualitäten) in einer Meditationsgruppe.

Anleitung zur Meditation für die Kultivierung von Mitgefühl von Martine Batchelor >

Mudita

Mudita oder mitfühlende Freude beschreibt die Fähigkeit, sich am Glück der anderen zu freuen. Sie ist ein Gegenpol zu Neid und Eifersucht, indem wir bewusst die Fähigkeit entwickeln, sich am Glück der anderen zu freuen anstatt zu meinen, das Glück sei ein begrenztes Gut und der Anteil anderer daran würde einem selbst fehlen.

Upekkha

Upekkha, meistens übersetzt mit Gleichmut oder Gelassenheit balanciert Gier, Vorurteile oder Abneigung. Es ist die Fähigkeit, Gefühle zu erleben, ohne darauf reflexhaft zu reagieren; dies schließt auch metta, karuna und mudita mit ein. Gleichmut wird manchmal beschrieben als die jedem innenwohnende Fähigkeit, wie in einem reflektierenden Spiegel das wahrzunehmen, was gerade da ist und es dann loszulassen. Es ist die Fähigkeit, sich unterschiedslos in einem ersten Schritt zunächst jeder Situation im Leben hinzugeben, den gegebenen Zustand zu akzeptieren und Geduld zu üben.
Es beinhaltet die Erkenntnis, dass man das Leben anderer Menschen nicht für sie leben kann. Wir können ihnen helfen, indem wir mit ihnen fühlen, aber wir können sie nicht ändern, nur die Menschen selbst können dies tun. Gleichmut erlaubt es, andere zu lieben, mit ihnen zu fühlen und sich mit ihnen zu freuen mit einem ruhigen und offenen Geist.
Auf diese Weise ermöglicht Gleichmut in einem zweiten Schritt sich kreativ zu engagieren, sowohl in Bezug auf das eigene Leben al,s auch das der anderen.
Diese Gelassenheit ermöglicht es, die eigene Balance zu finden. Das wiederum ist Voraussetzung dafür, sich selbst und anderen Stabilität zu schaffen.

Die „Hände Meditation“ – Mehr als eine Anti-Corona-Aktivität

Das Fundament für die Kultivierung der genannten Qualitäten bzw. Eigenschaften ist die regelmäßige Übung einer fokussierten, achtsamen Bewusstheit in der Meditation, vor allem der Achtsamkeitsmeditation bzw. Vipassana-Meditation.

In Zeiten von Corona kann als Anker und kleine Achtsamkeitsübung im Alltag eine „Hände-Meditation“ hilfreich sein. Die meisten von uns waschen sich jetzt häufiger als sonst die Hände, wie es das Robert-Koch-Institut empfiehlt.  Wir können diese und weitere Anlässe nützen, achtsam die Hände zu waschen und Geduld und Präsenz für einige Momente bewusst zu kultivieren. Ich selbst praktiziere diese Übungen berufsbedingt als Achtsamkeitsübung schon viele Jahre und habe sie schätzen gelernt.

Anleitung der „Hände-Meditation“ >

Gemeinsam gestärkt aus der Krise hervorgehen

Alle genannten Eigenschaften, Qualitäten bzw. Fähigkeiten sind kein Endzustand, den es durch Übung zu erreichen gilt. Sie sind vielmehr Werkzeuge für den Alltag in schweren Zeiten. Wir können Sie nutzen, um uns zu unterschiedlichen Anlässen und Zeiten an sie zu erinnern und sich mit Ihnen zu verbinden. Je regelmäßiger wir aktiv diese Qualitäten in der Meditation praktizieren, je weniger wir zu konditionierten, reflexhaften Verhaltensmustern neigen, umso größer ist die Chance, dass wir sie im Alltag kreativ und nutzbringend einsetzen können.

Wenn es uns gelingt, in diesen Tagen buchstäblich „Geduld zu üben“ und die Corona-Krise nicht als zwangsverordneten Hausarrest anzusehen haben wir die Chance, innere Stärke zur Bewältigung der Probleme unseres eigenen Lebens und der Probleme der anderen zu entwickeln.

Vielleicht erinnern wir uns zukünftig gemeinsam mit anderen an die Zeit der Coronakrise mit ihren Ausgangsbeschränkungen auf der ganzen Welt. In diesem Zeitabschnitt der Geschichte waren aufgrund eines kleinen Virus alle Menschen konfrontiert mit der grundlegenden Frage unserer Existenz, was es wirklich heisst, ein verkörpertes, fühlendes, soziales und sterbliches Lebewesen zu sein. Es ist die gemeinsame Geschichte der Menschen mit all ihrer Verletzlichkeit, Trauer und Einsamkeit aber auch der Fähigkeit zur Verbundenheit, Kreativität, Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit.

Folgen wir Gautama, dem Buddha, ist die beste Antwort auf das angstmachende kleine Viruspartikel Freundlichkeit, Wohlwollen und Fürsorge. Dies betrifft uns selbst, die Menschen, die uns im Leben nahe stehen und all die Unbekannten auf der Welt, ohne die wir unser bisher gewohntes Leben nicht leben könnten. Diese Qualitäten können wir allein üben, oder in einer Gemeinschaft oder einem Netzwerk von Menschen, die unseren Weg teilen. Gemeinsam ist es einfacher, die Zeit zu durchschreiten, in der „nichts mehr ist, wie es mal war“.

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